Alles soll sich ändern, solange sich nichts verändert.
Ein kritisches Essay im Stil von Karl Kraus – mit Qualtinger-Einschlägen
Es ist ein altes österreichisches Paradox, dass der Fortschritt ständig angekündigt, aber nie eingelöst wird – ein Land, das sich wie ein Patient verhält, der die Medizin verschreibt, aber die Tabletten im Nachttisch versenkt. „Bei uns wird alles besser – besonders die Vergangenheit“, hätte Helmut Qualtinger gelacht, und Karl Kraus hätte ihm kühl entgegnet, dass es in Österreich weniger an Zukunft mangele als an dem Willen, überhaupt eine zu haben.
I. Das österreichische Veränderungsversprechen: ein Ritual ohne Wirkung
2025 zeigt Ă–sterreich erneut seine Meisterschaft in der Kunst des dekorativen Wandels. Jeder Ministerwechsel ein TheaterstĂĽck, jede Reform ein BĂĽhnenbild, jede Pressekonferenz eine Generalprobe ohne Premiere.
Karl Kraus hätte notiert:
„In Österreich wechselt man die Wörter, damit die Taten bleiben können, wie sie sind.“
Denn hier ist die Sprache das Versteck der Realität.
Man verschiebt, vertagt, verordnet, aber vermeidet.
Man reformiert, ohne zu rĂĽhren.
Man entscheidet, ohne etwas zu verändern.
Eine Ăśbung, in der die Republik seit 75 Jahren olympisch ist.
Qualtinger hätte dazu trocken bemerkt:
„Es wird eh schon alles gemacht – nur nicht dort, wo’s was bringt.“
II. Der österreichische Fortschritt: ein Lift, der stecken bleibt
Die österreichische Verwaltung gleicht einem Lift im Gemeindebau:
Er fährt selten, pfeift beim Losfahren und bleibt genau zwischen zwei Stockwerken stehen – dort, wo man ihn nicht braucht.
Und wenn er repariert werden soll, wird erst einmal eine Kommission eingesetzt, die prĂĽft, ob man eine Kommission braucht.
2025 wird digitalisiert, modernisiert und transformiert – nur nicht dort, wo es im Alltag spürbar wäre.
Das Online-Formular stĂĽrzt ab, die Warteschlange bleibt, und die Datensicherheit besteht darin, dass sich ohnedies niemand ins System einloggen kann.
Qualtingers Satz schwebt ĂĽber dem Jahr wie eine Prophezeiung:
„Die Behörden sind nicht langsam – die Zeit vergeht nur schneller.“
III. Politik als Posse: Das Kabinett der Selbstberuhiger
In Wien regiert nicht eine Koalition, sondern ein Konsortium gegenseitiger Ausreden.
Die einen regieren, die anderen erklären, warum sie nicht regieren können, und alle zusammen feiern die Pressekonferenz über die Absicht einer Pressekonferenz.
Karl Kraus hätte geschrieben:
„Die Politik ist das einzige Gewerbe, in dem der Stillstand wie eine Leistung präsentiert wird.“
Und wenn einmal Bewegung entstünde – eine echte Reform, ein echter Schnitt, eine echte Entschlackung – würde sofort ein Arbeitskreis gegründet, der prüft, ob die Bewegung nicht die Ruhe stört.
IV. Der österreichische Bürger: Weltmeister im Durchwurschteln
Ă–sterreicher haben ein Talent, das nirgendwo so gepflegt wird wie zwischen Bodensee und Neusiedlersee:
Das Durchwurschteln.
Ein Lebensstil, ein Konzept, ein sozial akzeptiertes Scheitern mit menschlicher Note.
Qualtinger hätte gesagt:
„In Österreich ist jeder dagegen – aber keiner dafür, dass sich was ändert.“
Und Kraus hätte ergänzt:
„Das Volk ist empört – bis zur nächsten Jause.“
Die Empörung ist also ein saisonales Produkt.
Sie hält exakt so lange wie das Angebot beim Würstelstand.
V. Medien, Moral und Mauschelei
Die österreichische Medienwelt ist 2025 noch immer ein Panoptikum aus Boulevard-Brüllern, Regierungsverstehern und parteipolitischen Hauspostillen.
Man weiĂź nicht, ob man informiert oder eingelullt werden soll.
Karl Kraus würde heute vermutlich täglich publizieren – vermutlich digital, weil die Druckerei die Wahrheit nicht mehr so oft erträgt.
„Je größer die Schlagzeile, desto kleiner die Wahrheit dahinter.“
Und Qualtinger wĂĽrde seufzen:
„Die Wahrheit muss man sich in Österreich meistens selber ausdrucken.“
VI. Österreich 2025 – Epilog eines stagnierenden Landes
Alles soll sich ändern.
Solange sich nichts verändert.
Das Motto ist älter als die Zweite Republik, aber frisch wie der tägliche Pressetext.
Die Politik verspricht Zukunft, die Verwaltung pflegt Vergangenheit, und das Volk arrangiert sich mit Gegenwart.
Vielleicht ist das die wahre österreichische Identität:
Ein Land, das stets am Vorabend der Reform lebt – und am Morgen danach wieder im selben Bett aufwacht.
Qualtingers letzter Satz gehört an das Ende:
„Österreich wäre ein wunderschönes Land – wenn nur keiner drin wohnen würd’.”
Und Kraus’ trockener Schlussakkord:
„In diesem Land ist jede Veränderung ein Fortschritt – allein der Fortschritt bleibt aus.“
🇦🇹 Österreich 2025
Denken? Nur mit e-Card!
Ein dreifach geschärftes Essay nach Kraus, Qualtinger und Bernhard
In Österreich denken die Menschen nicht, weil sie es nicht dürfen. Und sie dürfen es nicht, weil das Denken eine der letzten Tätigkeiten ist, die das System nicht vorsieht. Das Denken fällt in dieselbe Kategorie wie eigenständiges Handeln, unbestechliche Moral und echte Verantwortung:
Es ist verwaltungstechnisch nicht vorgesehen.
Karl Kraus hätte gesagt:
„Wer in Österreich denkt, stört den Ablauf.“
Denn das Denken ist ein bĂĽrokratischer Schadenfall.
Es erzeugt RĂĽckfragen.
Es erzeugt Widerspruch.
Es erzeugt jene unerhörte Form von Unabhängigkeit, die hierzulande sofort als Gefahr interpretiert wird.
So hat man es in Ă–sterreich konsequent geregelt:
Denken nur mit e-Card.
Nur nach vorheriger Nummernausgabe, nur mit digitalem Stempel und nur unter Aufsicht der Behörden, die genau jene Kompetenz nicht besitzen, deren Ausübung sie kontrollieren sollen.
I. Die österreichische Denkbewilligung
Der Österreicher denkt grundsätzlich nicht gern. Er denkt höchstens über etwas, aber niemals in etwas hinein.
Das eine ist unverbindlich, das andere verpflichtet. Und Verpflichtung ist ein Fremdwort, das man hierzulande erst dann anerkennt, wenn es ein Behördenformular dazu gibt.
Qualtinger hätte es so gesagt:
„Wenn der Österreicher denkt, dann weil er muss. Und wenn er muss, dann is’ meistens schon zu spät.“
Die e-Card als Denkberechtigung ist nur die logische Fortsetzung eines Staatswesens, das jeden Gedanken unter Generalverdacht stellt:
Du könntest ja kritisch sein.
Du könntest ja hinterfragen.
Du könntest ja merken, dass die Verwaltung keine Verwaltung ist, sondern ein Verschubbahnhof für Verantwortungsverweigerung.
II. Bernhard: Ă–sterreich als Denkverhinderungsmaschine
Thomas Bernhard hätte stundenlang in halsbrecherischem Furor gegen dieses Land angeschrieben:
„Dieses lächerliche, erbärmliche, von seiner eigenen Bürokratie zu Tode gepeinigte, geistig verkalkte Österreich, das dem Bürger nicht einmal das Denken erlaubt, ohne ihn vorher durch ein elektronisches Schlauchsystem der Kontrolle zu jagen.“
„Der Österreicher ist der einzige Mensch auf der Welt, der fürs Denken ein Formular ausfüllen muss, und dieses Formular hat natürlich drei Stempel, von denen zwei fehlen und einer unlesbar ist.“
Die Wiederholung gehört zur österreichischen Amtssprache.
Die Wiederholung ist die Musik des Nichtstuns.
Die Wiederholung ist das Pochen der Bedeutungslosigkeit, die Österreich für geistige Tätigkeit reserviert.
III. Denken verboten – Grübeln erlaubt
Man hat dem Ă–sterreicher das Denken abtrainiert und stattdessen das GrĂĽbeln beigebracht.
GrĂĽbeln ist erlaubt.
Grübeln ist ungefährlich.
GrĂĽbeln ist einseitig und fĂĽhrt zu nichts.
Karl Kraus hätte spitz bemerkt:
„In Österreich ist das Denken die Krankheit, das Grübeln die Therapie.“
Das Grübeln zerstört keine Strukturen, es zerstört nur die Menschen darin.
Es passt besser zur österreichischen Melancholie, die immer so tut, als sei sie tiefgründig, während sie in Wahrheit nur tief müde ist.
IV. Die BĂĽrokratie als Gedankenfilter
In Ă–sterreich werden Gedanken nicht diskutiert, sondern gefiltert.
Sie wandern durch dieselben Rohre wie Förderanträge, Bauverhandlungen und Parteikarrieren – und bleiben an denselben Stellen stecken.
Qualtinger hätte darüber bitter gelacht:
„Die Wahrheit passt nicht durch die österreichische Verwaltung. Zu groß. Zu sperrig. Zu gefährlich.“
Und Bernhard hätte es auf die entscheidende Formel gebracht:
„In Österreich wird alles gedacht, nur nicht von denen, die dafür bezahlt werden.“
V. Epilog – Denken als subversiver Akt
2025 betritt der denkende Österreicher eine Zone, in der er sofort als Störfaktor gilt.
Der Denker wird verdächtig.
Der Kritiker wird feindlich.
Der unabhängige Geist wird zum Sicherheitsrisiko.
Karl Kraus hätte die Republik so zusammengefasst:
„Wo die Dummheit Staatsbürgerrecht besitzt, ist das Denken eine staatsgefährdende Handlung.“
Qualtinger hätte ihm die Pointe gegeben:
„In Österreich brauchst fürs Denken die e-Card. Und selbst die funktioniert nicht immer.“
Und Bernhard hätte das Finale geliefert:
„Dieses Land wird erst dann wieder denken, wenn man nicht mehr dafür bezahlen muss, nicht zu denken.“