Der digitale Beamtenstaat
„Ausgerechnet der Mensch ist unmenschlich.“ – Thomas Bernhard
Wenn Verwaltung digital wird, aber Verantwortung analog bleibt, entsteht keine Effizienz – sondern Entmenschlichung.
A) Der digitale Beamtenstaat – was sich wirklich verändert hat
A1) Von der Amtsstube zum Algorithmus
Der österreichische Beamtenstaat hat sich nicht abgeschafft, sondern digitalisiert. Akten wurden zu Daten, Formulare zu Plattformen, Entscheidungen zu Workflows. Formal ist alles schneller, transparenter, objektiver. Substanziell aber bleibt das Kernproblem bestehen – und wird sogar verschärft:
Entscheidungsmacht ohne persönliche Haftung.
Was früher der Aktenschrank war, ist heute:
- das Fachverfahren
- die Datenbank
- der Regel-Algorithmus
- die automatisierte Prüfung
Der Bürger begegnet nicht mehr dem Beamten, sondern dem System. Und das System kennt keinen Kontext, keine Biografie, keine Grauzone.
A2) Digitalisierung ohne Demokratisierung
Digitalisierung wurde verkauft als:
- Serviceverbesserung
- Effizienzgewinn
- Transparenzschub
Tatsächlich hat sie vor allem eines gebracht:
➡️ Machtkonzentration bei jenen, die Regeln definieren – nicht bei jenen, die betroffen sind.
Der Beamte verschwindet nicht, er entzieht sich:
- „Das System lässt das nicht zu.“
- „Die Maske ist verpflichtend.“
- „Der Algorithmus entscheidet.“
Die Verantwortung diffundiert. Der Bürger steht einer anonymen Entscheidungsarchitektur gegenüber.
B) Demokratie & Dissens im digitalen Beamtenstaat
B1) Von Rechtsstaat zu Regelstaat
Der klassische Rechtsstaat basiert auf:
- Ermessensspielraum
- Verhältnismäßigkeit
- individueller Prüfung
Der digitale Beamtenstaat ersetzt das durch:
- Standardfälle
- Regelkonformität
- binäre Logik (Ja/Nein)
Dissens passt in dieses System nicht hinein.
Er ist:
- zu langsam
- zu komplex
- zu individuell
➡️ Dissens wird nicht bekämpft – er wird technisch unmöglich gemacht.
B2) Der neue Totalitarismus ist nicht laut, sondern leise
Niemand sagt: „Du darfst das nicht denken.“
Stattdessen heißt es:
- „Dafür gibt es kein Feld.“
- „Diese Option ist nicht vorgesehen.“
- „Das Verfahren ist abgeschlossen.“
Das ist die neue Form der Macht:
Nicht Verbot, sondern Vorstrukturierung.
Dissens scheitert nicht am Gesetz, sondern an der Maske.
B3) Thomas Bernhard trifft den Kern
„Ausgerechnet der Mensch ist unmenschlich.“
Im digitalen Beamtenstaat ist dieser Satz erschreckend präzise.
Nicht weil Menschen böse wären –
sondern weil sie sich hinter Systemen entlasten.
Der Beamte sagt:
- „Ich halte mich nur an die Regeln.“
Das System sagt:
- nichts.
Und der Mensch verschwindet.
C) Der digitale Beamtenstaat als Verstärker der neuen Totalität
C1) Warum Digitalisierung Dissens besonders gefährdet
Der digitale Staat liebt:
- Eindeutigkeit
- Skalierbarkeit
- Kontrolle
Dissens ist das Gegenteil:
- mehrdeutig
- nicht skalierbar
- störend für Prozesse
Deshalb wird Dissens im digitalen Beamtenstaat:
- nicht diskutiert
- nicht widerlegt
- sondern prozessual ausgeschlossen
Das ist effizient –
und demokratisch toxisch.
C2) Cui bono?
Der digitale Beamtenstaat nützt:
- der Exekutive (Steuerbarkeit)
- der Verwaltung (Risikominimierung)
- der Politik (Entpolitisierung von Entscheidungen)
Er nützt nicht:
- dem Bürger
- dem Unternehmer
- der pluralen Demokratie
Denn wo Entscheidungen als „technisch notwendig“ erscheinen,
gibt es keine politische Verantwortung mehr.
C3) Der gefährlichste Effekt: Entmenschlichung ohne Täter
Im klassischen Autoritarismus gab es Täter.
Im digitalen Beamtenstaat gibt es nur noch Abläufe.
Der Bürger fühlt sich:
- ohnmächtig
- entwertet
- nicht gehört
Und genau hier wird Bernhard existenziell politisch:
Der Mensch wird unmenschlich, weil das System Menschlichkeit nicht vorsieht.
Der entscheidende Gedanke
Der digitale Beamtenstaat ist nicht autoritär,
weil er kontrolliert –
sondern weil er Alternativen technisch ausschließt.
Demokratie stirbt hier nicht durch Gewalt,
sondern durch perfekte Verfahren ohne Widerspruchskanal.
Der Handlungsimpuls (klar, nicht radikal)
A) Digitalisierung braucht institutionalisierten Ermessensspielraum
→ jedes System muss eine Dissens- und Kontextoption haben.
B) Verwaltung braucht Haftung für Entscheidungen, nicht nur Regelkonformität.
→ Verantwortung darf nicht im Code enden.
C) Demokratie braucht Menschen, nicht nur Prozesse.
→ Wo kein Mensch mehr entscheidet, kann auch keiner mehr widersprechen.
Schlusssatz, systemisch präzise
Der unmenschlichste Staat ist nicht der brutale,
sondern der perfekt organisierte,
in dem niemand mehr zuständig ist.